Folklore als Tatsachenbericht - Buchdetails zu Autor, Inhalt und ISBN
15/06/2026
Lesedauer: 20 min
Alle Kerninfos zu Folklore als Tatsachenbericht von Jürgen Beyer, Reet Hiiemäe auf einen Blick: Inhalt und Buchdetails. Ideal, um Relevanz, Ausgabe und Details schnell zu prüfen.

Folklore als Tatsachenbericht von Jürgen Beyer, Reet Hiiemäe - Informationen zur Ausgabe
Folklore als Tatsachenbericht gehört zur Kategorie Sachbuch und stammt von Jürgen Beyer, Reet Hiiemäe - eine Kombination, die den Titel sowohl fachlich als auch bibliografisch interessant macht. Aus der Buchbeschreibung zu Folklore als Tatsachenbericht ergibt sich ein klares Bild der thematischen Schwerpunkte: AUSZÜGE AUS DEM VORWORT: Der vorliegende Band bringt im wesentlichen die Druckfassungen der Vorträge, die auf einer Tagung über "Folklore als Tatsachenbericht" in Dorpat (estn. Tartu) vom 20. bis zum 24. September 2000 gehalten wurden. Die Tagung war Geschichten gewidmet, die mit dem Anspruch auf Faktizität erzählt werden, die für den Forscher aber als Folklore (d.h. tradierte Erzählungen, bei denen es zu Variantenbildung gekommen ist) erkennbar sind. [...] Manche Beiträge konzentrieren sich auf Erzählungen über Ereignisse in der nahen oder fernen Vergangenheit, die als Tatsachenberichte erzählt werden bzw. sich zu Sagen, Schwänken oder Spukgeschichten wandeln. Andere Aufsätze behandeln Erzählungen über nagelneue Begebenheiten bzw. die Umwandlung von Erzählungen über Vorfälle in der Vergangenheit in Berichte über frische Ereignisse. Teilbereichen dieses Themas hat die Forschung sich bisher aus verschiedenen Richtungen genähert, doch fehlt noch eine vergleichende Darstellung des Gesamtkomplexes, was verwundert, denn das Thema sollte eigentlich für Folkloristen eine zentrale Bedeutung haben, weil ein wesentlicher Teil der Folklore in dieser Form tradiert wird. Es handelt sich dabei häufig um Erzählstoffe, die ein hohes Alter aufweisen, die aber aufgrund ihrer Tradierung als Tatsachenberichte über Neuigkeiten ständig den sich ändernden gesellschaftlichen Bedingungen angepaßt werden. Dorpat als Veranstaltungsort für die Tagung drängte sich geradezu auf, schließlich hatte Walter Anderson hier als junger Professor der Estnischen und Vergleichenden Folkloristik sich als einer der ersten Folkloristen mit dem Thema beschäftigt. Mitte der 1920er Jahre erschien sein Aufsatz über "Die Marspanik in Estland 1921" [in: ZfVk. 35/36 (1925/26)]. Anderson behandelt hier ein im Januar 1921 in Dorpat aufgetretenes Gerücht, demzufolge der Planet Mars zerbrochen sei und einer seiner Teile auf die Erde zurase, wo er große Zerstörungen anrichten werde. Dieses Gerücht verbreitete sich in Windeseile durch ganz Estland. Anderson verzeichnete ähnliche Erzählungen auch in der volkskundlichen Sektion der "Jahresberichte der estnischen Philologie und Geschichte" [...]. Diese "Jahresberichte" sind eine zu Unrecht in Vergessenheit geratene Fundgrube für die historische Erzählforschung, werten sie doch schon systematisch die in Schulbüchern und Tageszeitungen gedruckten Volkserzählungen aus - Jahrzehnte bevor die retrospektive Sichtung dieser Quellen in der Folkloristik ihren Anfang nahm. Spätestens seit der Ausbildung der quellenkritischen Methode waren sich Historiker darüber im klaren, daß viele in den Quellen berichtete "Fakten" sich bei genauerer Prüfung als sog. Wandersagen erwiesen. Die Schlußfolgerung der traditionellen Geschichtswissenschaft war in solchen Fällen, daß die betreffende Quelle keine Auskunft darüber geben könne, "wie es eigentlich gewesen". Das ist natürlich richtig, nur sollte man damit seine Untersuchungen nicht beenden. In den letzten Jahren wird glücklicherweise erzählenden Quellen und der Geschichte des Erzählens größere Aufmerksamkeit gewidmet. Heute untersucht man auch, wieso auf eine bestimmte Weise erzählt wurde und weshalb solche Erzählungen zur Zeit der Niederschrift glaubwürdig wirkten. Warum diese Wende in der Geschichtswissenschaft so spät gekommen ist, soll hier nicht diskutiert werden, nur soll darauf hingewiesen werden, daß Historiker sich durchaus auch auf einen schon 1921 [in: Revue de synthèse historique (1921)] erschienenen Aufsatz ihres heute berühmten Kollegen Marc Bloch über Falschmeldungen im Ersten Weltkrieg hätten stützen können. Obwohl es also sowohl in der Folkloristik als auch in der Geschichtswissenschaft bedeutende Vorläufer aus den 1920er Jahren gab, auf die man sich hätte berufen können, scheint das heutige Interesse der Folkloristen an Tatsachenberichten vor allem von jüngeren Arbeiten über alltägliches Erzählen und "urban legends" inspiriert zu sein, während die meisten Historiker, die über Erzählungen arbeiten, sich eher auf die Historische Anthropologie stützen. Anderson scheint Blochs Aufsatz nicht gekannt zu haben. Auch dies ist bezeichnend für die über weite Strecken getrennte Entwicklung der Folkloristik und der Geschichtswissenschaft, obwohl als Tatsachenberichte erzählte Folklore in beiden Disziplinen eine wichtige Rolle spielt. Es war deshalb ein Ziel der Tagung, die Kluft zwischen diesen Disziplinen zu überbrücken [...]. Die Zusammenführung der verschiedenen Forschungstraditionen und ihre Ergebnisse lassen den Schluß zu, daß wir es bei den Tatsachenberichten offenbar mit der ältesten Form von Folklore zu tun haben. Die Blütezeit der sog. klassischen Gattungen der Volksdichtung (wie Märchen und Sage) im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert scheint nur ein Zwischenspiel in der Entwicklung gewesen zu sein. Das Verschwinden der sog. klassischen Volkserzählungen bedeutet also nicht den Verlust einer uralten Tradition, sondern nur die Rückkehr zu den Verbreitungsbedingungen von Folklore, wie sie herrschten, bevor in der Nachfolge der Brüder Grimm Volkskundler in aller Welt darangingen, die sog. klassischen Gattungen zu popularisieren und einen Sinn für fiktionalisierte Erzählungen zu wecken. [...] Jürgen Beyer Reet Hiiemäe Bibliografisch ist Folklore als Tatsachenbericht mit dem Erscheinungsdatum 2001, dem Verlag Sektion für Folkloristik des Estnischen Literaturmuseums und dem Ort Tartu erfasst.
Was diese Ausgabe besonders interessant macht
Innerhalb von Sachbuch bietet Folklore als Tatsachenbericht eine klar erkennbare thematische Zuordnung. Folklore als Tatsachenbericht ist besonders für Leserinnen und Leser interessant, die sich gezielt mit Veröffentlichungen von Jürgen Beyer, Reet Hiiemäe beschäftigen möchten. Verlagsname und Verlagsort - Sektion für Folkloristik des Estnischen Literaturmuseums und Tartu - helfen dabei, die Ausgabe eindeutig zu identifizieren. Auch das Veröffentlichungsdatum 2001 macht Folklore als Tatsachenbericht für zeitlich eingegrenzte Suchen besonders interessant. Dass Folklore als Tatsachenbericht in Deutsch erschienen ist, erleichtert die gezielte Auswahl für sprachspezifische Recherchen.
Inhalt und thematische Schwerpunkte
Im thematischen Kontext von Sachbuch setzt Folklore als Tatsachenbericht laut Beschreibung auf folgende Schwerpunkte: AUSZÜGE AUS DEM VORWORT: Der vorliegende Band bringt im wesentlichen die Druckfassungen der Vorträge, die auf einer Tagung über "Folklore als Tatsachenbericht" in Dorpat (estn. Tartu) vom 20. bis zum 24. September 2000 gehalten wurden. Die Tagung war Geschichten gewidmet, die mit dem Anspruch auf Faktizität erzählt werden, die für den Forscher aber als Folklore (d.h. tradierte Erzählungen, bei denen es zu Variantenbildung gekommen ist) erkennbar sind. [...] Manche Beiträge konzentrieren sich auf Erzählungen über Ereignisse in der nahen oder fernen Vergangenheit, die als Tatsachenberichte erzählt werden bzw. sich zu Sagen, Schwänken oder Spukgeschichten wandeln. Andere Aufsätze behandeln Erzählungen über nagelneue Begebenheiten bzw. die Umwandlung von Erzählungen über Vorfälle in der Vergangenheit in Berichte über frische Ereignisse. Teilbereichen dieses Themas hat die Forschung sich bisher aus verschiedenen Richtungen genähert, doch fehlt noch eine vergleichende Darstellung des Gesamtkomplexes, was verwundert, denn das Thema sollte eigentlich für Folkloristen eine zentrale Bedeutung haben, weil ein wesentlicher Teil der Folklore in dieser Form tradiert wird. Es handelt sich dabei häufig um Erzählstoffe, die ein hohes Alter aufweisen, die aber aufgrund ihrer Tradierung als Tatsachenberichte über Neuigkeiten ständig den sich ändernden gesellschaftlichen Bedingungen angepaßt werden. Dorpat als Veranstaltungsort für die Tagung drängte sich geradezu auf, schließlich hatte Walter Anderson hier als junger Professor der Estnischen und Vergleichenden Folkloristik sich als einer der ersten Folkloristen mit dem Thema beschäftigt. Mitte der 1920er Jahre erschien sein Aufsatz über "Die Marspanik in Estland 1921" [in: ZfVk. 35/36 (1925/26)]. Anderson behandelt hier ein im Januar 1921 in Dorpat aufgetretenes Gerücht, demzufolge der Planet Mars zerbrochen sei und einer seiner Teile auf die Erde zurase, wo er große Zerstörungen anrichten werde. Dieses Gerücht verbreitete sich in Windeseile durch ganz Estland. Anderson verzeichnete ähnliche Erzählungen auch in der volkskundlichen Sektion der "Jahresberichte der estnischen Philologie und Geschichte" [...]. Diese "Jahresberichte" sind eine zu Unrecht in Vergessenheit geratene Fundgrube für die historische Erzählforschung, werten sie doch schon systematisch die in Schulbüchern und Tageszeitungen gedruckten Volkserzählungen aus - Jahrzehnte bevor die retrospektive Sichtung dieser Quellen in der Folkloristik ihren Anfang nahm. Spätestens seit der Ausbildung der quellenkritischen Methode waren sich Historiker darüber im klaren, daß viele in den Quellen berichtete "Fakten" sich bei genauerer Prüfung als sog. Wandersagen erwiesen. Die Schlußfolgerung der traditionellen Geschichtswissenschaft war in solchen Fällen, daß die betreffende Quelle keine Auskunft darüber geben könne, "wie es eigentlich gewesen". Das ist natürlich richtig, nur sollte man damit seine Untersuchungen nicht beenden. In den letzten Jahren wird glücklicherweise erzählenden Quellen und der Geschichte des Erzählens größere Aufmerksamkeit gewidmet. Heute untersucht man auch, wieso auf eine bestimmte Weise erzählt wurde und weshalb solche Erzählungen zur Zeit der Niederschrift glaubwürdig wirkten. Warum diese Wende in der Geschichtswissenschaft so spät gekommen ist, soll hier nicht diskutiert werden, nur soll darauf hingewiesen werden, daß Historiker sich durchaus auch auf einen schon 1921 [in: Revue de synthèse historique (1921)] erschienenen Aufsatz ihres heute berühmten Kollegen Marc Bloch über Falschmeldungen im Ersten Weltkrieg hätten stützen können. Obwohl es also sowohl in der Folkloristik als auch in der Geschichtswissenschaft bedeutende Vorläufer aus den 1920er Jahren gab, auf die man sich hätte berufen können, scheint das heutige Interesse der Folkloristen an Tatsachenberichten vor allem von jüngeren Arbeiten über alltägliches Erzählen und "urban legends" inspiriert zu sein, während die meisten Historiker, die über Erzählungen arbeiten, sich eher auf die Historische Anthropologie stützen. Anderson scheint Blochs Aufsatz nicht gekannt zu haben. Auch dies ist bezeichnend für die über weite Strecken getrennte Entwicklung der Folkloristik und der Geschichtswissenschaft, obwohl als Tatsachenberichte erzählte Folklore in beiden Disziplinen eine wichtige Rolle spielt. Es war deshalb ein Ziel der Tagung, die Kluft zwischen diesen Disziplinen zu überbrücken [...]. Die Zusammenführung der verschiedenen Forschungstraditionen und ihre Ergebnisse lassen den Schluß zu, daß wir es bei den Tatsachenberichten offenbar mit der ältesten Form von Folklore zu tun haben. Die Blütezeit der sog. klassischen Gattungen der Volksdichtung (wie Märchen und Sage) im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert scheint nur ein Zwischenspiel in der Entwicklung gewesen zu sein. Das Verschwinden der sog. klassischen Volkserzählungen bedeutet also nicht den Verlust einer uralten Tradition, sondern nur die Rückkehr zu den Verbreitungsbedingungen von Folklore, wie sie herrschten, bevor in der Nachfolge der Brüder Grimm Volkskundler in aller Welt darangingen, die sog. klassischen Gattungen zu popularisieren und einen Sinn für fiktionalisierte Erzählungen zu wecken. [...] Jürgen Beyer Reet Hiiemäe Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis zeigt die thematische Struktur der Ausgabe: Vorwort | Erzählte Wirklichkeit im Folklorisierungsprozeß | Erzählmotive in frühneuzeitlichen Kriminalquellen | Geschichten von Waldtieren als Tatsachenberichte | Trampergeschichten und Tramperfolklore. Die Begegnung von Tatsachen und Stereotypen | "Wenn du ein Viertel davon glaubst, bist du schon um die Hälfte betrogen worden". AT 1920B im Zusammenhang mit konkreten Personen | The Lilac Lady. A collective belief-legend as a homogeneous entity | Erzählungen über den Scheintod. Faktizität und Fiktionalität in medizinischen Fallberichten | Folklore als Tatsachenbericht | Mädchen, Vergewaltiger und Schutzengel. Die moderne Umwandlung einer protestantischen Wundergeschichte | "Rumeurs, bruits, fausses nouvelles, on-dit". Positionen der französischen Forschung | Werwolfprozesse in Estland und Livland im 17. Jahrhundert. Zusammenstöße zwischen der Realität von Richtern und von Bauern | Oral traditions and historical realities among ethnic groups in the West African Savannah | Anschriften der Autoren Ergänzend helfen die hinterlegten Schlagwörter dabei, Folklore als Tatsachenbericht thematisch schneller einzuordnen: Folklore
Wichtige Kennzeichen dieser Ausgabe
Die verlegerische und zeitliche Einordnung wird durch Sektion für Folkloristik des Estnischen Literaturmuseums, Tartu und 2001 präzise ergänzt. Auch externe Referenzen sind vorhanden: Die Work-ID lautet OL19118616W, die zugehörigen Editions-IDs sind OL22509684M.
Bibliografische Daten auf einen Blick
- Internationale Standardbuchnummer (ISBN-10): 9985867017
- Veröffentlicht am: 2001
- Ort der Veröffentlichung: Tartu
- Verfügbare Sprache dieser Ausgabe: Deutsch
- Schlagwörter: Folklore
- Autor beziehungsweise Autoren: Jürgen Beyer, Reet Hiiemäe
- Thematische Hauptkategorie: Sachbuch
- Buchtitel: Folklore als Tatsachenbericht
- Kurzbeschreibung: AUSZÜGE AUS DEM VORWORT: Der vorliegende Band bringt im wesentlichen die Druckfassungen der Vorträge, die auf einer Tagung über "Folklore als Tatsachenbericht" in Dorpat (estn. Tartu) vom 20. bis zum 24. September 2000 gehalten wurden. Die Tagung war Geschichten gewidmet, die mit dem Anspruch auf Faktizität erzählt werden, die für den Forscher aber als Folklore (d.h. tradierte Erzählungen, bei denen es zu Variantenbildung gekommen ist) erkennbar sind. [...] Manche Beiträge konzentrieren sich auf Erzählungen über Ereignisse in der nahen oder fernen Vergangenheit, die als Tatsachenberichte erzählt werden bzw. sich zu Sagen, Schwänken oder Spukgeschichten wandeln. Andere Aufsätze behandeln Erzählungen über nagelneue Begebenheiten bzw. die Umwandlung von Erzählungen über Vorfälle in der Vergangenheit in Berichte über frische Ereignisse. Teilbereichen dieses Themas hat die Forschung sich bisher aus verschiedenen Richtungen genähert, doch fehlt noch eine vergleichende Darstellung des Gesamtkomplexes, was verwundert, denn das Thema sollte eigentlich für Folkloristen eine zentrale Bedeutung haben, weil ein wesentlicher Teil der Folklore in dieser Form tradiert wird. Es handelt sich dabei häufig um Erzählstoffe, die ein hohes Alter aufweisen, die aber aufgrund ihrer Tradierung als Tatsachenberichte über Neuigkeiten ständig den sich ändernden gesellschaftlichen Bedingungen angepaßt werden. Dorpat als Veranstaltungsort für die Tagung drängte sich geradezu auf, schließlich hatte Walter Anderson hier als junger Professor der Estnischen und Vergleichenden Folkloristik sich als einer der ersten Folkloristen mit dem Thema beschäftigt. Mitte der 1920er Jahre erschien sein Aufsatz über "Die Marspanik in Estland 1921" [in: ZfVk. 35/36 (1925/26)]. Anderson behandelt hier ein im Januar 1921 in Dorpat aufgetretenes Gerücht, demzufolge der Planet Mars zerbrochen sei und einer seiner Teile auf die Erde zurase, wo er große Zerstörungen anrichten werde. Dieses Gerücht verbreitete sich in Windeseile durch ganz Estland. Anderson verzeichnete ähnliche Erzählungen auch in der volkskundlichen Sektion der "Jahresberichte der estnischen Philologie und Geschichte" [...]. Diese "Jahresberichte" sind eine zu Unrecht in Vergessenheit geratene Fundgrube für die historische Erzählforschung, werten sie doch schon systematisch die in Schulbüchern und Tageszeitungen gedruckten Volkserzählungen aus - Jahrzehnte bevor die retrospektive Sichtung dieser Quellen in der Folkloristik ihren Anfang nahm. Spätestens seit der Ausbildung der quellenkritischen Methode waren sich Historiker darüber im klaren, daß viele in den Quellen berichtete "Fakten" sich bei genauerer Prüfung als sog. Wandersagen erwiesen. Die Schlußfolgerung der traditionellen Geschichtswissenschaft war in solchen Fällen, daß die betreffende Quelle keine Auskunft darüber geben könne, "wie es eigentlich gewesen". Das ist natürlich richtig, nur sollte man damit seine Untersuchungen nicht beenden. In den letzten Jahren wird glücklicherweise erzählenden Quellen und der Geschichte des Erzählens größere Aufmerksamkeit gewidmet. Heute untersucht man auch, wieso auf eine bestimmte Weise erzählt wurde und weshalb solche Erzählungen zur Zeit der Niederschrift glaubwürdig wirkten. Warum diese Wende in der Geschichtswissenschaft so spät gekommen ist, soll hier nicht diskutiert werden, nur soll darauf hingewiesen werden, daß Historiker sich durchaus auch auf einen schon 1921 [in: Revue de synthèse historique (1921)] erschienenen Aufsatz ihres heute berühmten Kollegen Marc Bloch über Falschmeldungen im Ersten Weltkrieg hätten stützen können. Obwohl es also sowohl in der Folkloristik als auch in der Geschichtswissenschaft bedeutende Vorläufer aus den 1920er Jahren gab, auf die man sich hätte berufen können, scheint das heutige Interesse der Folkloristen an Tatsachenberichten vor allem von jüngeren Arbeiten über alltägliches Erzählen und "urban legends" inspiriert zu sein, während die meisten Historiker, die über Erzählungen arbeiten, sich eher auf die Historische Anthropologie stützen. Anderson scheint Blochs Aufsatz nicht gekannt zu haben. Auch dies ist bezeichnend für die über weite Strecken getrennte Entwicklung der Folkloristik und der Geschichtswissenschaft, obwohl als Tatsachenberichte erzählte Folklore in beiden Disziplinen eine wichtige Rolle spielt. Es war deshalb ein Ziel der Tagung, die Kluft zwischen diesen Disziplinen zu überbrücken [...]. Die Zusammenführung der verschiedenen Forschungstraditionen und ihre Ergebnisse lassen den Schluß zu, daß wir es bei den Tatsachenberichten offenbar mit der ältesten Form von Folklore zu tun haben. Die Blütezeit der sog. klassischen Gattungen der Volksdichtung (wie Märchen und Sage) im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert scheint nur ein Zwischenspiel in der Entwicklung gewesen zu sein. Das Verschwinden der sog. klassischen Volkserzählungen bedeutet also nicht den Verlust einer uralten Tradition, sondern nur die Rückkehr zu den Verbreitungsbedingungen von Folklore, wie sie herrschten, bevor in der Nachfolge der Brüder Grimm Volkskundler in aller Welt darangingen, die sog. klassischen Gattungen zu popularisieren und einen Sinn für fiktionalisierte Erzählungen zu wecken. [...] Jürgen Beyer Reet Hiiemäe
- Verzeichnetes Inhaltsverzeichnis: Vorwort | Erzählte Wirklichkeit im Folklorisierungsprozeß | Erzählmotive in frühneuzeitlichen Kriminalquellen | Geschichten von Waldtieren als Tatsachenberichte | Trampergeschichten und Tramperfolklore. Die Begegnung von Tatsachen und Stereotypen | "Wenn du ein Viertel davon glaubst, bist du schon um die Hälfte betrogen worden". AT 1920B im Zusammenhang mit konkreten Personen | The Lilac Lady. A collective belief-legend as a homogeneous entity | Erzählungen über den Scheintod. Faktizität und Fiktionalität in medizinischen Fallberichten | Folklore als Tatsachenbericht | Mädchen, Vergewaltiger und Schutzengel. Die moderne Umwandlung einer protestantischen Wundergeschichte | "Rumeurs, bruits, fausses nouvelles, on-dit". Positionen der französischen Forschung | Werwolfprozesse in Estland und Livland im 17. Jahrhundert. Zusammenstöße zwischen der Realität von Richtern und von Bauern | Oral traditions and historical realities among ethnic groups in the West African Savannah | Anschriften der Autoren
- Umfang: 209 Seiten
- Verlag: Sektion für Folkloristik des Estnischen Literaturmuseums
- Open-Library-Editions-IDs: OL22509684M
- Open-Library-Work-ID: OL19118616W
Warum sich Folklore als Tatsachenbericht gut einordnen lässt
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Häufige Fragen zu Folklore als Tatsachenbericht
Was sagt die Beschreibung über das Buch aus?
AUSZÜGE AUS DEM VORWORT: Der vorliegende Band bringt im wesentlichen die Druckfassungen der Vorträge, die auf einer Tagung über "Folklore als Tatsachenbericht" in Dorpat (estn. Tartu) vom 20. bis zum 24. September 2000 gehalten wurden. Die Tagung war Geschichten gewidmet, die mit dem Anspruch auf Faktizität erzählt werden, die für den Forscher aber als Folklore (d.h. tradierte Erzählungen, bei denen es zu Variantenbildung gekommen ist) erkennbar sind. [...] Manche Beiträge konzentrieren sich auf Erzählungen über Ereignisse in der nahen oder fernen Vergangenheit, die als Tatsachenberichte erzählt werden bzw. sich zu Sagen, Schwänken oder Spukgeschichten wandeln. Andere Aufsätze behandeln Erzählungen über nagelneue Begebenheiten bzw. die Umwandlung von Erzählungen über Vorfälle in der Vergangenheit in Berichte über frische Ereignisse. Teilbereichen dieses Themas hat die Forschung sich bisher aus verschiedenen Richtungen genähert, doch fehlt noch eine vergleichende Darstellung des Gesamtkomplexes, was verwundert, denn das Thema sollte eigentlich für Folkloristen eine zentrale Bedeutung haben, weil ein wesentlicher Teil der Folklore in dieser Form tradiert wird. Es handelt sich dabei häufig um Erzählstoffe, die ein hohes Alter aufweisen, die aber aufgrund ihrer Tradierung als Tatsachenberichte über Neuigkeiten ständig den sich ändernden gesellschaftlichen Bedingungen angepaßt werden. Dorpat als Veranstaltungsort für die Tagung drängte sich geradezu auf, schließlich hatte Walter Anderson hier als junger Professor der Estnischen und Vergleichenden Folkloristik sich als einer der ersten Folkloristen mit dem Thema beschäftigt. Mitte der 1920er Jahre erschien sein Aufsatz über "Die Marspanik in Estland 1921" [in: ZfVk. 35/36 (1925/26)]. Anderson behandelt hier ein im Januar 1921 in Dorpat aufgetretenes Gerücht, demzufolge der Planet Mars zerbrochen sei und einer seiner Teile auf die Erde zurase, wo er große Zerstörungen anrichten werde. Dieses Gerücht verbreitete sich in Windeseile durch ganz Estland. Anderson verzeichnete ähnliche Erzählungen auch in der volkskundlichen Sektion der "Jahresberichte der estnischen Philologie und Geschichte" [...]. Diese "Jahresberichte" sind eine zu Unrecht in Vergessenheit geratene Fundgrube für die historische Erzählforschung, werten sie doch schon systematisch die in Schulbüchern und Tageszeitungen gedruckten Volkserzählungen aus - Jahrzehnte bevor die retrospektive Sichtung dieser Quellen in der Folkloristik ihren Anfang nahm. Spätestens seit der Ausbildung der quellenkritischen Methode waren sich Historiker darüber im klaren, daß viele in den Quellen berichtete "Fakten" sich bei genauerer Prüfung als sog. Wandersagen erwiesen. Die Schlußfolgerung der traditionellen Geschichtswissenschaft war in solchen Fällen, daß die betreffende Quelle keine Auskunft darüber geben könne, "wie es eigentlich gewesen". Das ist natürlich richtig, nur sollte man damit seine Untersuchungen nicht beenden. In den letzten Jahren wird glücklicherweise erzählenden Quellen und der Geschichte des Erzählens größere Aufmerksamkeit gewidmet. Heute untersucht man auch, wieso auf eine bestimmte Weise erzählt wurde und weshalb solche Erzählungen zur Zeit der Niederschrift glaubwürdig wirkten. Warum diese Wende in der Geschichtswissenschaft so spät gekommen ist, soll hier nicht diskutiert werden, nur soll darauf hingewiesen werden, daß Historiker sich durchaus auch auf einen schon 1921 [in: Revue de synthèse historique (1921)] erschienenen Aufsatz ihres heute berühmten Kollegen Marc Bloch über Falschmeldungen im Ersten Weltkrieg hätten stützen können. Obwohl es also sowohl in der Folkloristik als auch in der Geschichtswissenschaft bedeutende Vorläufer aus den 1920er Jahren gab, auf die man sich hätte berufen können, scheint das heutige Interesse der Folkloristen an Tatsachenberichten vor allem von jüngeren Arbeiten über alltägliches Erzählen und "urban legends" inspiriert zu sein, während die meisten Historiker, die über Erzählungen arbeiten, sich eher auf die Historische Anthropologie stützen. Anderson scheint Blochs Aufsatz nicht gekannt zu haben. Auch dies ist bezeichnend für die über weite Strecken getrennte Entwicklung der Folkloristik und der Geschichtswissenschaft, obwohl als Tatsachenberichte erzählte Folklore in beiden Disziplinen eine wichtige Rolle spielt. Es war deshalb ein Ziel der Tagung, die Kluft zwischen diesen Disziplinen zu überbrücken [...]. Die Zusammenführung der verschiedenen Forschungstraditionen und ihre Ergebnisse lassen den Schluß zu, daß wir es bei den Tatsachenberichten offenbar mit der ältesten Form von Folklore zu tun haben. Die Blütezeit der sog. klassischen Gattungen der Volksdichtung (wie Märchen und Sage) im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert scheint nur ein Zwischenspiel in der Entwicklung gewesen zu sein. Das Verschwinden der sog. klassischen Volkserzählungen bedeutet also nicht den Verlust einer uralten Tradition, sondern nur die Rückkehr zu den Verbreitungsbedingungen von Folklore, wie sie herrschten, bevor in der Nachfolge der Brüder Grimm Volkskundler in aller Welt darangingen, die sog. klassischen Gattungen zu popularisieren und einen Sinn für fiktionalisierte Erzählungen zu wecken. [...] Jürgen Beyer Reet Hiiemäe
Wann und wo wurde die Ausgabe veröffentlicht?
Die Ausgabe erschien am 2001 bei Sektion für Folkloristik des Estnischen Literaturmuseums und ist dem Veröffentlichungsort Tartu zugeordnet.
In welcher Sprache liegt das Buch vor?
Die Ausgabe ist in Deutsch verfügbar; thematisch unterstützen zusätzlich die Tags Folklore bei der Einordnung.
Worum handelt es sich bei Folklore als Tatsachenbericht?
Folklore als Tatsachenbericht ist ein Buch von Jürgen Beyer, Reet Hiiemäe, das der Kategorie Sachbuch zugeordnet wird und damit thematisch klar eingeordnet werden kann.
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